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Die gemeinsamen vier Wände

Ein Dach für alle┇Sommersemester 2025┇Studio Typologie


Anna Wicken­hau­ser mit Mar­tin Bau­er und Jana Riern­össl
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Für Gott­fried Sem­per zähl­te die Wand neben dem Herd, dem Dach und der Sub­struk­tur zu den vier Grund­ele­men­ten des Hau­ses. Schin­kel glaub­te an einen tex­ti­len Ursprung der Wand: Zwi­schen Pfos­ten und Bal­ken ein­ge­spann­te Stof­fe hät­ten ursprüng­lich für die Begren­zung des Raums gesorgt, ähn­lich den Zel­ten der Nomaden. 


Mit der Sess­haft­wer­dung der Men­schen ent­ste­hen unter­schied­li­che Wohn­for­men und Wohn­kul­tu­ren. Woh­nen ist als eine akti­ve Aus­ein­an­der­set­zung des Men­schen mit dem Raum und des­sen Ein­rich­tung zu ver­ste­hen“, wie die His­to­ri­ke­rin Adel­heid von Ald­ern fest­hält. Aus ein­fa­chen Mau­ern ent­ste­hen Wän­de, indem der Innen­raum eines Mau­er­ge­vierts gestal­tet wird und Öff­nun­gen eine Ver­bin­dung zwi­schen dem Innen- und Außen sowie zwi­schen pri­va­ten und öffent­li­chen Räu­men schaf­fen. Wäh­rend die Mau­er ein eigen­stän­di­ges Ele­ment dar­stellt, ist die Wand ein rela­tio­na­les Ele­ment: Sie ist als Bestand­teil des Hau­ses mit dem Boden und der Decke ver­bun­den und defi­niert die ver­schie­de­nen Räume. 


Woh­nen gehört zu den Grund­be­dürf­nis­sen des Men­schen. Wir alle woh­nen, allein oder in Gemein­schaft. Die Ent­wick­lung von ein­zel­nen Räu­men mit spe­zi­fi­schen Funk­tio­nen, der Trend zur Inti­mi­tät, das Ansam­meln all­täg­li­cher Gegen­stän­de und das Ent­ste­hen einer viel­fäl­ti­gen Möbel­kul­tur haben, zusam­men mit der städ­ti­schen Enge, der Woh­nungs­not und dem engen Zusam­men­le­ben vie­ler Men­schen auf­grund der Indus­tria­li­sie­rung, dazu geführt, dass der frü­her spär­lich ein­ge­rich­te­te Innen­raum immer mehr gefüllt wurde. 


Erst durch einen Umzug ist man mit dem lee­ren Wohn­raum kon­fron­tiert. Er erscheint wie eine Zel­le, ein Gefäß oder eine lee­re Büh­ne. Es ist kein Zufall, dass medi­ta­ti­ve Prak­ti­ken, die ursprüng­lich im Klos­ter ent­stan­den sind und heu­te aus fern­öst­li­chen Tra­di­tio­nen über­nom­men wur­den, oft in nahe­zu lee­ren Räu­men statt­fin­den. Stil­le und Licht kön­nen den Raum zwi­schen den vier Wän­den so inten­siv berei­chern, dass das Hocken oder Sit­zen dar­in zu einer ange­neh­men Erfah­rung wird. 


Es stellt sich also die Fra­ge, wie viel von dem, mit dem wir uns umge­ben, wir wirk­lich benö­ti­gen, und könn­ten wir unse­ren Wohn­raum nicht auch gemein­schaft­lich bewoh­nen? Wenn Pier Vitto­rio Aure­li dar­über in sei­nem Buch Less is enough“ schreibt, meint er, dass es beschei­de­ner und vor allem auch mit weni­ger Raum ginge. 


Soll­te eine Redu­zie­rung des eige­nen Raum­be­darfs nicht auch dazu füh­ren, dass dar­aus alter­na­ti­ve Wohn­kon­zep­te gera­de im städ­ti­schen Raum ent­ste­hen könn­ten? Soll­ten wir uns nicht auch im Sin­ne einer Care-Bewe­gung mit nicht-kon­for­men Men­schen zusam­men­schlie­ßen, um Soli­da­ri­tät in der Gesell­schaft bes­ser leben zu kön­nen? Wie sieht es mit unse­rem Kom­fort aus: Brau­chen wir wirk­lich so hohe Standards? 


Und soll­ten wir dabei nicht dar­auf bedacht sein, die­se kol­lek­ti­ven Wohn­for­men im städ­ti­schen Raum durch Nach­ver­dich­tun­gen zu gewinnen? 


Mit die­sen Fra­gen wer­den wir uns ent­lang der Starhem­ber­ger­stra­ße in Linz aus­ein­an­der­set­zen, einem intak­ten Wohn­ge­biet mit eini­gen Bau­lü­cken, weni­gen nied­ri­gen Wohn­häu­sern und grü­nen Innenhöfen. 


Titel­bild: Marie Schöfberger